Wer im Oktober abends an der Ostsee steht, hört sie manchmal, bevor er sie sieht: Kraniche, die in langen Ketten nach Südwesten ziehen. Was man nicht hört, ist der Rest. Rotkehlchen, Drosseln, Singdrosseln, Watvögel ziehen nachts, in mehreren hundert Metern Höhe, zu Millionen. Dass dieser Zug überhaupt zählbar ist, verdanken wir einem Nebeneffekt der Wettervorhersage. Die Regenradare der europäischen Wetterdienste sehen Vögel genauso wie Regentropfen, und seit einigen Jahren werten Forschungsnetze diese Echos systematisch aus.
naturesclock.com, der Naturschauspiel-Kalender im Voxmara-Portfolio, hat diese Daten in zwei neue Darstellungen gegossen. Die erste zeigt, was gerade über Europa in der Luft ist. Die zweite zeigt, wohin die Reise geht: die Zugwege von 982 Vögeln mit Sender, vom Brutplatz in Oberschwaben oder Flandern bis in den Sahel, den Kongo oder nach Namibia.
Karte 1: Der Nachtzug über Europa, gemessen von 118 Wetterradaren
Die Radar-Zugkarte zeigt für jede der letzten 30 Nächte, wo wie viele Vögel geflogen sind, in welche Richtung und wie schnell. Jeder Punkt ist ein Wetterradar. Grau heißt kaum Zug, Gelb mäßig, Grün stark, Rot Massenzug. Dazwischen fließt eine Partikelströmung, die den gemessenen Richtungen folgt, und ein Leuchten markiert die Regionen mit viel Zug. Mit einem Regler springt man von Nacht zu Nacht, oder man schaltet um und spielt eine einzelne Nacht in halben Stunden ab.
Die Nacht zum 7. Oktober war eine der stärksten der laufenden Saison. Über Ätvidaberg in Südschweden standen zum Höhepunkt 211 Vögel in der Luftsäule über einem Quadratkilometer, unterwegs nach Süden mit 48 km/h in 1.000 bis 1.200 Metern Höhe. Zur Einordnung: Ab etwa 25 Vögeln pro Quadratkilometer spricht man von starkem Zug, ab 100 von Massenzug. In derselben Nacht meldete das Radar bei Málaga 176 Vögel pro Quadratkilometer, und zwar nach Norden. Warum, verrät das Radar nicht. Es kennt keine Arten.
Ein paar Dinge zeigt diese Karte bewusst nicht, und die Seite sagt das auch. Das Radar unterscheidet keine Arten, es misst Echos. Kraniche, Störche und Greifvögel ziehen tagsüber in der Thermik und tauchen hier kaum auf, für sie gibt es die Rastplatz-Seiten und den Kranichzug-Hub. Großbritannien, Italien und Polen liefern keine Daten ins Netz. Im Sommer treiben Insekten die Werte hoch, bei Regen fallen Profile aus. Und die Radardaten einer Nacht liegen erst ein bis zwei Tage später vollständig vor, die Karte hinkt also immer etwas hinterher. Für den Blick nach vorn gibt es auf den 25 Hotspot-Seiten ein Zugwetter für die kommenden drei Nächte, berechnet aus Wind und Niederschlag.
Karte 2: 982 Vögel, 1.668 Zugjahre, einmal bis Afrika und zurück
Die zweite Karte verlässt Europa. Auf Zugwege bis Afrika fliegen die Spuren von 13 Arten noch einmal ab, Tag für Tag durch ein Zugjahr von Juli bis Juni. Ein Regler steuert das Datum, alle aufgezeichneten Jahre liegen übereinander, auf Wunsch lässt sich ein einzelnes Zugjahr herausfiltern. Jeder Klick auf einen Vogel öffnet seinen Steckbrief: Art, Zugjahr, bisher zurückgelegte Strecke und die Studie, aus der die Daten stammen.
Was auf der Karte sofort auffällt, sind die drei Nadelöhre. Westlich geht es über Gibraltar, in der Mitte über Sizilien und Tunesien, östlich über den Bosporus und die Levante das Niltal hinunter. Wer die Spuren bis Mitte September zurückdreht, sieht, wie sich die Störche an beiden Enden des Mittelmeers stauen, während die Alpensegler aus der Schweiz schon über der Sahara sind.
Unter der Karte rechnet ein Zugkalender die Spuren in eine einzige Linie je Art um: die mittlere geografische Breite aller Vögel an einem Tag. Man sieht, wann eine Art aufbricht, wie lange sie für die Sahara braucht und wann sie im Frühjahr wieder oben ist. Die Rückreise ist bei fast allen Arten steiler als die Hinreise. Im Frühjahr hat niemand Zeit zu verlieren, es geht um die Brutplätze.
Ein paar Befunde aus den Senderdaten, die man so in keinem Schulbuch findet:
| Art | Vögel / Zugjahre | Abzug (Median) | Sahara-Rand | Winterquartier | Strecke |
|---|---|---|---|---|---|
| Weißstorch | 586 / 931 | 21. Aug. | 5. Sept. (34 % der Zugjahre) | 34,6° N | 1.750 km, max. 9.400 km |
| Alpensegler | 173 / 215 | – | 6. Okt. (94 %) | 8,6° N | – |
| Kranich | 35 / 73 | 22. Sept. | 18. Nov. (14 %) | 39° N | 1.900 km, max. 5.550 km |
| Schwarzstorch | 34 / 77 | 19. Aug. | 6. Okt. (68 %) | 12,9° N | 5.250 km, max. 5.600 km |
| Wiesenweihe | 31 / 69 | 19. Juli | 17. Sept. (78 %) | 13,6° N | 4.700 km, max. 6.800 km |
Abzug = erster Tag mehr als 100 km vom Sommerstandort, Sahara-Rand = erster Tag südlich von 30° N, Strecke = Luftlinie zwischen Sommer- und Winterstandort. Alpensegler tragen keine GPS-Sender, dazu gleich mehr.
Der Weißstorch ist die Überraschung in dieser Tabelle. 44 % seiner aufgezeichneten Zugjahre enden nördlich von 36° Nord, das Winterquartier liegt im Median in Südspanien. Viele Störche aus Südwestdeutschland fliegen die Sahara gar nicht mehr an, sie überwintern auf der Iberischen Halbinsel. Der Schwarzstorch dagegen nimmt zu 84 % die Ostroute und zieht 5.250 Kilometer weit, die Wiesenweihe aus den Niederlanden landet fast immer im Sahel. Und der Alpensegler, 100 Gramm leicht, ist im Dezember irgendwo zwischen Ghana und Kamerun unterwegs, meist ohne jemals zu landen.
Woher die Daten kommen
Beide Karten beruhen ausschließlich auf veröffentlichten, offen lizenzierten Forschungsdaten. Das ist die Voraussetzung, mit der naturesclock.com überhaupt arbeiten kann, und es ist der Grund, warum die Zugwege-Seite keine Partnerlinks und keine Werbung trägt.
Die Radarkarte speist sich aus Aloft, dem Datenportal des europäischen Forschungsnetzes ENRAM. Die nationalen Wetterdienste stellen ihre Radardaten über das OPERA-Programm bereit, Aloft rechnet daraus für jedes Radar alle paar Minuten ein Höhenprofil: Vögel je Höhenstufe, Richtung, Geschwindigkeit. Die Lizenz ist CC BY 4.0, Nennung genügt. naturesclock.com fasst die Profile je halbe Stunde zusammen und hält 30 Nächte vor.
Die Zugwege kommen aus zwei Archiven. Das Movebank Data Repository ist der Ort, an dem Tierbewegungsforscher ihre Rohdaten nach der Veröffentlichung ablegen, viele davon als CC0, also ohne jede Einschränkung. Von dort stammen die Weißstörche des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell, mit Satellitensendern seit 1991 und mit GPS-Sendern seit 2013 verfolgt, außerdem die Wiesenweihen aus den Niederlanden, die Alpensegler aus der Schweiz und die Kuckucke von der Kurischen Nehrung. Das zweite Archiv ist GBIF, die weltweite Datenbank für Artvorkommen. Dort veröffentlicht das belgische Institut INBO laufend die Positionen seiner Turteltauben aus Flandern, und der estnische Verein Kotkaklubi stellt seine BirdMap-Daten bereit: Schrei- und Schelladler, Schwarzstörche, Fischadler, Kraniche aus dem Baltikum. Die BirdMap-Daten sind als CC BY-NC lizenziert, nur für nichtkommerzielle Nutzung. Die Seite listet jede Quelle mit Lizenz und Link in einer Tabelle am Ende.
Wie die Daten auf die Seite kommen
Radar, stündlich. Ein Hintergrundjob auf dem Server prüft jede Stunde, für welche Radare die jüngste fertige Nacht noch fehlt, und holt sie bei Aloft ab. Da die Tagesdateien erst gegen drei Uhr morgens UTC für die vorletzte Nacht vollständig sind, läuft die Karte dem Kalender um etwa zwei Tage hinterher. Die Liste der aktiven Radare wird einmal täglich neu aus dem Aloft-Verzeichnis gelesen, derzeit sind es 118.
Zugwege, einmalig aufbereitet. Die Rohdaten der 13 Arten, rund zwei Gigabyte Positionsmeldungen, werden offline auf einen Punkt pro Vogel und Tag eingedampft. Offensichtliche Fehlortungen fliegen raus, Sprünge über 1.200 Kilometer am Tag ebenfalls. Gezeigt werden nur Zugjahre mit mehr als 400 Kilometern Ausdehnung, also Vögel, die tatsächlich gezogen sind. Übrig bleiben gut 100.000 Positionen für 1.668 Zugjahre, die der Browser als Spuren zeichnet.
Turteltauben, täglich. Der Flandern-Datensatz wächst laufend. Ein Tagesjob fragt ihn bei GBIF ab und schreibt die Spuren neu. Neue Positionen kommen allerdings oft erst an, wenn ein Vogel wieder Mobilfunkempfang hat, die Sender puffern unterwegs.
Ungenau, und das steht dabei. Alpensegler sind zu leicht für GPS. Sie tragen Geolokatoren, die nur die Tageslänge messen. Daraus lässt sich die Position auf einige hundert Kilometer schätzen, rund um die Tag-und-Nacht-Gleiche gar nicht. Deshalb laufen ihre Spuren stellenweise als gerade Linien. Beim Schreiadler fehlt die Brutzeit, weil die Quelle sie nicht veröffentlicht, die Vögel erscheinen erst ab Mitte September.
Für Schule, Studium und den Spaziergang am Deich
naturesclock.com hat zu den Karten eine Seite für Schule und Studium aufgesetzt: eine Übersicht aller Datenquellen, Unterrichtsideen nach Fach, ein Abschnitt zu den Grenzen der Daten und eine Zitierweise. Für Biologie liegt der Vogelzug nahe, aber die Karten taugen auch für Geografie (Klimazonen, Sahara als Barriere), Physik (wie ein Radar einen Vogel von einem Regentropfen unterscheidet) und Informatik. Wer Daten einmal selbst bereinigen will, kann das an den Movebank-Rohdaten üben, sie sind frei.
Und für alle, die einfach rausgehen wollen: Die Hotspot-Seiten nennen für 25 Orte in Europa die beste Zeit, von Rügen und Linum über Falsterbo bis zur Straße von Gibraltar, dazu das Zugwetter für die nächsten drei Nächte. Ein Kranich-Schlafplatz abends im Oktober ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst. Genau deshalb gehört dazu, Abstand zu halten. Rastende Kraniche brauchen mehrere hundert Meter Ruhe, die Beobachtungsplattformen stehen nicht zufällig dort, wo sie stehen. Wer sich den Schlafplätzen nähert, Drohnen steigen lässt oder mit dem Hund über die Wiesen geht, verscheucht Vögel, die ihre Energiereserven für die nächsten 2.000 Kilometer brauchen. Die Karten sollen Lust auf das Schauspiel machen. Das Schauspiel gehört den Vögeln.